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Aarau,

Pferdeschwänze und
 Hochsteckfrisuren

(AZ 23.5.2011 von Katja Landolt (Text) und Emanuel Freudiger (Fotos))

Die Pferderennen im Schachen vereint alle – ein Renntag aus Zuschauerperspektive

Die Adern treten deutlich unter der Haut hervor, die Ohren spielen verrückt. Weit reisst der Traber im Führring die Augen auf, die Mähne federt mit den ruckartigen  Kopfbewegungen mit. «Der ist heiss aufs Rennen», sagt einer mit Kennermiene und Feldstecher über der Schulter und nickt andächtig. Sein Nachbar im karierten Sakko schüttelt den Kopf. «Zu nervös, zu nervös», murmelt er und stützt sein Kinn auf das gerollte Rennprogramm.

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Es ist Sonntagnachmittag, zweiter Renntag im Schachen Aarau. Das Wetter spielt verrückt. Ob nun Schweiss oder Regenwasser den Rücken hinunter rinnen: Man  weiss es nicht genau. Die Besucher nehmen es recht gelassen; jene auf der Tribüne sind sowieso geschützt, die anderen ziehen sich in die Zelte zurück oder die Schirme und Pelerinen aus der Tasche. Wenn die Pferde nervös vor der Tribüne tanzen, in die Startboxen bugsiert werden und dann mit lang gestreckten Hälsen über die Bahn stieben, spätestens dann ist das Wetter allen egal.

Herzrasen auf der Tribüne 
Die Pferde haben schon fast 2000 Meter in den Beinen, das Ziel ist nah. Es wird eng vorn. Viele hoffen noch darauf, ihre Wetteinsätze zu vervielfachen; auch wer keine Ahnung hat, setzt auf ein Pferd, denn ohne Wetten ist alles nur halb so lustig.

Die Pferde biegen auf die Schlussgerade ein. Es ist der spannendste Moment, der Puls steigt und selbst die nobelsten Herrschaften verlieren ihre Zurückhaltung; da wird geschrien und angefeuert, die Faust geballt und das Programmheft geschwenkt. Die Jockeys, zu windschlüpfrigen Päckchen gefaltet, lassen die Peitschen auf die Pferdehintern fitzen, um im Schlussspurt noch einen Platz gut zu machen. Die Köpfe drehen sich allesamt von links nach rechts, nur noch wenige Meter bis zum Ziel, der Speaker geht unter im Geschrei – dann ist die Ziellinie überrannt, der Spuk vorbei. Auf der Tribüne – wegen der besseren Übersicht – setzt bereits das obligate Schauspiel ein mit freudenstrahlenden Gewinnern und zerknirschten Verlierern, auf den Stehplätzen muss sich erst noch herumsprechen, wer beim Kopf-an-Kopf-Rennen schliesslich die Nase vorn hatte.

Schmelztiegel Pferderennen
Das Pferderennen im Schachen ist ein Schmelztiegel. Es gibt wohl nicht viele andere Orte, wo sozial so unterschiedlich gestellte Menschen gemeinsam jubeln, bibbern und fluchen. Dort das Paar im cremefarbenen Partnerlook, er mit goldgefasster Pilotenbrille, sie mit mörderisch hohen Absätzen – daneben die Familie mit Kind und Kegel, Picknickdecke und Gummischlappen. Die einen nippen bei geschäftigem Smalltalk am Champagnerglas, die andern sitzen mit Klappstühlen auf dem Rasen, reichen die Trinkflasche herum und hauen sich mit dem Sackmesser ein Rädli Wurst vom Cervelat.

Die Unterschiede sind krass, aber auch genau das, was einen Besuch bei den Pferderennen so speziell macht. Der eine ist nicht besser als die andere, und was allesamt eint, ist die Freude an den Tieren und amRennsport.

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